Das Logo des Sickingen-Gymnasiums. Dunkelblaues Quadrat mit weißem Schriftzug des Schulnamens in der linken oberen Ecke. Silhouette der Burg Nanstein im Anschnitt unten rechts.

Zwischen Literatur und Lebenswirklichkeit - Ein Besuch, der nachdenklich macht

Unterrichtsprojekt zum Thema Armut in KL führt den Ethikkurs ins Sankt-Christophorus-Heim — 13.06.2026

von Achim Jung
Die Schülerinnen und Schüler des Ethikkurses der 11. Jahrgangsstufe des SGL haben zusammen mit ihrem Lehrer Achim Jung im Rahmen eines Unterrichtsprojekts zu dem Roman „Ein Mann seiner Klasse“ von Christian Baron das Caritas - Förderzentrum St. Christophorus in Kaiserslautern besucht. Die Einrichtung für von Wohnungs- und Obdachlosigkeit betroffene Menschen in der Logenstraße gehört zum Wohlfahrtsverband der katholischen Kirche und bietet Menschen, die ohne gesicherte Wohnmöglichkeit sind oder sich in Notsituationen befinden, ein Zuhause auf Zeit an. Die Aufenthaltsdauer ist in der Regel auf fünf Tage beschränkt, wenn sich keine Institution findet, die die Kosten übernimmt. Durch ihre verschiedenen Fachbereiche und Fachkräfte bietet das Caritas - Förderzentrum allerdings darüber hinaus eine große Bandbreite an Hilfs- und Unterstützungsmöglichkeiten.
Die Sozialarbeiterin Saniya Prins, die in der Abteilung für Resozialisierung tätig ist, stellte dem Ethikkurs die verschiedenen Bereiche der Einrichtung sowie ihren Arbeitsalltag vor. Neben dem oben genannten Übernachtungsbereich für Kurzzeitaufenthalte, erzählte die Sozialarbeiterin uns auch von denjenigen Einrichtungsbereichen, welche auf die individuelle Lebenssituation der Menschen eingehen. Das Spektrum der Arbeit im St. Christophorus umfasse somit auch die Langzeithilfe, die Resozialisierung, die Eingliederungshilfe, die stationäre Jugendhilfe, die ambulante Fachberatung inklusive Tagestreff und die Sozialkaufhäuser.
Ein Anstieg der von Wohnungs- und Obdachlosigkeit betroffenen Menschen sei auch in Einrichtungen wie dem St. Christophorus zu spüren. Ein Leben auf der Straße sei hart und bringe eine Vielzahl an Schwierigkeiten und Problematiken mit sich, mit denen Betroffene konfrontiert seien. Viele Lebensumstände können Obdach- und Wohnungslosigkeit bedingen: Sehr häufige Gründe sind Alkohol- und Drogenabhängigkeit, psychische Erkrankungen, persönliche Schicksalsschläge, Arbeitslosigkeit und Überschuldung.
Saniya Prins betonte, dass die Not im Winter und im Sommer besonders groß sei und das St. Christophorus dann mit einer stark erhöhten Frequentierung rechnen müsse. Kalte Winter und überheiße Sommer können nicht selten die Gesundheit sowie die Existenz von obdachlosen Menschen gefährden. Für kritische Jahreszeiten wie diese verfüge die Einrichtung über Notschlafplätze und -räume und stelle somit sicher, dass kein Mensch den Bedingungen des Wetters ausgesetzt sein müsse. Auch die sogenannte „menschenfeindliche Architektur“ in den Innenstädten hindere obdachlose Menschen besonders im Sommer daran, sich an kühlen Orten und Schattenplätzen aufzuhalten. So seien beispielsweise schattige Parkbänke gezielt „unbequem“ gestaltet worden, um Betroffene davon abzuhalten, sich über einen längeren Zeitraum dort aufzuhalten.
Die Schülerinnen und Schüler des Ethikkurses waren sehr beeindruckt von dem Vortrag der Sozialarbeiterin. Die Exkursion trug sicher dazu bei, ihnen ein Bewusstsein darüber zu vermitteln, dass auch in Deutschland eine Vielzahl an Menschen von Obdach- und Wohnungslosigkeit betroffen sind.
Die Schülerinnen und Schüler hatten sich allerdings bereits im Vorfeld der Exkursion mit den Themen Armut und soziale Not befasst. Sie haben nämlich den Roman „Ein Mann seiner Klasse“ von Christian Baron gelesen. Der Autor erzählt darin von seiner Familie und von seiner Kindheit in Kaiserslautern, die geprägt war durch die Armut der Eltern und den daraus erwachsenden Erfahrungen von „Klassismus“, mit denen sich er und seine Familie konfrontiert sahen. Klassismus bezeichnet die Diskriminierung und Ausgrenzung von Menschen aufgrund ihrer sozialen Herkunft oder ihres ökonomischen Status. Die Aufmerksamkeit auf dieses Phänomen wurde in den letzten Jahren durch einige international sehr erfolgreiche literarische Bestseller gelenkt: Dazu gehören vor allem der Roman „Das Ende von Eddy“ von dem französischen Autor Édouard Louis, die autobiographischen Texte „Hillbilly-Elegie“ von J. D. Vance und „Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon sowie nicht zuletzt der Roman von Christian Baron selbst.
Erzählende Texte eignen sich ganz besonders für den Ethikunterricht, da es in ihnen immer auch um die Auseinandersetzung mit Werten geht und darum, was den Menschen wichtig ist und was sie beschäftigt. Als Kind war Christian Baron seine Heimat wichtig, die Stadt Kaiserslautern, der FCK und die Sprache, das heißt der pfälzische Dialekt. Die Tragik seiner Geschichte ist, dass für ihn der soziale Aufstieg nur möglich wurde, indem er sich von seiner Heimat und „seiner“ Sprache, dem Pfälzischen, löste, um ein angesehener Autor und Journalist in der Hauptstadt Berlin werden zu können. Dass dies für ihn so schwierig war, lag daran, dass ihm dies von klein auf wegen seiner sozialen Herkunft zunächst niemand zugetraut hatte. Nur indem einige Menschen auf seine Talente und Begabungen aufmerksam wurden, konnte er Förderung finden, etwa durch einen Mitarbeiter des Sozialamts, durch engagierte Lehrerinnen und Lehrer sowie durch Redakteure der Lokalzeitung „Die Rheinpfalz“, wo Baron schon als Jugendlicher Artikel für den Sportteil schreiben konnte und damit seinen Berufsweg als Journalist und Autor begründete. Vor allem am Beispiel der im Roman erzählten Kindheit seiner Mutter zeigt Baron exemplarisch, wie verheerend und tragisch es sich auswirken kann, wenn vor allem die sozialen Verhältnisse und die finanzielle Situation der Eltern über die Schullaufbahn und das Leben von Menschen bestimmen.
Die Grundbegriffe der Ethik, die die Schülerinnen und Schüler im Verlauf der 11. Klasse mithilfe von exemplarischen philosophischen Texten kennenlernen, können dabei helfen zu verstehen, warum Klassismus falsch ist und welche Werte und Normen gelten sollten, damit die Diskriminierung und Ausgrenzung von Menschen aus der Gesellschaft vermieden wird. Denn eine solche letztlich menschenfeindliche Haltung macht nicht nur das Leben der Ausgegrenzten kaputt, sie destabilisiert auch die Gesellschaft insgesamt, so dass am Ende niemand mehr dort, wo er lebt, wirklich eine Heimat haben kann.
Im Roman vergegenwärtigt Christian Baron, wie seine Mutter trotz der Gymnasialempfehlung ihres Sohnes von allen Gymnasien in Kaiserslautern Absagen erhalten hatte. Die „asoziale“ Wohnadresse der Familie und die Tatsache, dass das Sozialamt für ihn aufgrund der prekären familiären Lebensverhältnisse die Pflegschaft übernommen hatte, führten dazu, dass alle Schulleitungen daraus schlossen, dass das Kind von vornherein dazu prädestiniert sei, am Gymnasium zu scheitern, so dass es besser wäre, gleich auf eine „geeignetere“ Schule zu gehen. Am Ende besuchte Christian Baron die Gesamtschule, wo er 2004 das Abitur ablegen konnte. Dort hatte er auch gelernt, ganz im Sinn von Immanuel Kant, von dem Texte im Unterricht behandelt worden sind, selbst zu denken und über sein Leben selbst zu bestimmen. Dies gelingt heute tatsächlich immer mehr Menschen. Immer mehr individuelle und selbstbestimmte Lebensverläufe sind heute aufgrund von Bildung und gesellschaftlichem Wandel in den meisten Ländern der Welt möglich. Gerade weil dies so ist, wird Diskriminierung durch Klassismus heute vielen Menschen immer bewusster, was auch zur Radikalisierung und Polarisierung beiträgt. Denn umso schlimmer ist es, dass Menschen durch Klassismus und andere Formen der Diskriminierung weiterhin Lebenspläne zerstört werden oder dass ihnen das Leben unnötig schwergemacht wird, ohne dass dies meist ins öffentliche Bewusstsein tritt, was insgesamt auch zu einer gewissen inneren Zerrüttung der Gesellschaft führt.
Für Christian Baron bedeuten Kaiserslautern, der FCK und die Pfalz heute auch und immer noch Heimat, aber dass es dazu kam und dass es so geblieben ist, ist ihm nicht leicht gemacht worden.
Die Exkursion zum Caritas Förderzentrum St. Christophorus hat den Schülerinnen und Schülern eindringlich vor Augen geführt, dass es viele Menschen gibt, die es im Leben nicht leicht haben, und dass es sich lohnt, dies zu ändern. Wie das Leben von Christian Baron zeigt, ist die Schule, ist Bildung und Bildungsgerechtigkeit ein guter Weg, um nicht nur für sich selbst, sondern auch für viele Mitmenschen das Leben zu verbessern.

Unterrichtsprojekt zum Roman "Ein Mann seiner Klasse" von Christian Baron