Menschen, Bomben, Leben - Japanreise von Ahmet Gürsoy
1. Preis des japanischen Generalkonsulats für hervorragende Leistung im Aufsatzwettbewerb — 14.09.2025
1. Preis im Aufsatzwettbewerb
Letztes Jahr, am 5. Juli 2024, hatte ich die Ehre, als Gewinner des jährlichen Aufsatzwettbewerbs in Frankfurt am Main ausgezeichnet zu werden.
Dies fand im Rahmen des Programms „Japan im Klassenzimmer“ statt, wo uns Mitglieder der Deutsch-Japanischen Gesellschaft besuchten und viele interessante Fakten und Co. über Japan präsentierten. Anschließend wurde uns dazu die einmalige Möglichkeit angeboten, einen Aufsatz zum Thema „Wie könnte ich konkret meine berufliche Zukunft in Japan gestalten?“ zu verfassen. Die „Japan im Klassenzimmer“-Veranstaltung wird nicht nur von der Deutsch-Japanischen Gesellschaft, sondern auch vom Generalkonsulat Japans in Frankfurt am Main, dem japanischen Kulturzentrum sowie vielen Sponsoren, einschließlich Japan Airlines, unterstützt. Eine solch lange Liste an Unterstützern bedeutet natürlicher auch eine ebenso große Belohnung für den Gewinner: eine Reise nach Japan mit allem inklusive, einschließlich Flugtickets, Hotels und Essen – einfach alles.
Mein langjähriger Traum, Japan zu besuchen, wäre niemals in Erfüllung gegangen, wenn es meinen Englischlehrer Alexander Bertsch nicht gegeben hätte. Herr Bertsch hat unsere Englischklasse für dieses Programm ausgesucht und uns motiviert, an diesem Wettbewerb teilzunehmen. Selbstverständlich habe ich auch sofort einem kurzen Bericht zugestimmt, als ich darum gebeten wurde.
Tokio, Kyoto, Yokohama
Für meinen Bericht entschied ich mich, meinen Eindruck von Hiroshima präzise zu beschreiben. Obwohl die großen Städte, die ich besuchte, wie Tokio, Kyoto und Yokohama, natürlich mindestens genauso einflussreich waren. Die Schönheit japanischer Metropolen ist einzigartig: riesige Hochhäuser mit atemberaubenden Beleuchtungen, die lauten, aber auch gleichzeitig die ruhigen Straßen, überfüllt mit unterschiedlichen Menschen, und vor allem das Aroma von köstlichem japanischem Essen. Obwohl die immens großen Städte so viel bieten und genau deshalb perfekt für einen Bericht geeignet wären, entschied ich mich trotzdem für Hiroshima.
Denn genauso wie die gegensätzlichen Straßen Japans, die laut und leise zugleich sind, ist auch Hiroshima eine äußerst widersprüchliche Stadt. Sie ist bekannt, aber gleichermaßen unbekannt.
Wenn viele sich heutzutage Hiroshima vorstellen, denken sie immer noch an eine Stadt, die durch Zerstörung und Tod geprägt ist. Diese Vorstellung ist begründet durch eine Atombombe, die den Namen „Little Boy“ trug, aber Spuren hinterließ, die alles andere als klein waren. Obwohl Hiroshima einer immensen Zerstörung begegnet ist, ist es dennoch eine der fortschrittlichsten sowie bevölkerungsreichsten Städte Japans.
Um mit den Zeiten voranzukommen, müssen wir uns mit Hiroshima auseinandersetzen. Denn diese Stadt weiß besser als jede andere, wie zerstörerisch zukünftige militärische Auseinandersetzungen aussehen könnten, wenn wir nicht verantwortungsbewusst handeln. Zwar klingt es selbstverständlich, doch gerade heute ist es umso bedeutsamer und muss betont werden, um im Angesicht dynamischer politischer Entwicklungen den Einfluss menschlicher Entscheidungen zu erkennen.
Hiroshima
In Hiroshima entdeckte ich vieles zum ersten Mal, zum Beispiel die Game Center, die so großzügig sind, dass man mit nur 100 Yen (ungefähr 60 Cent) so lange spielen kann, dass es einem fast unheimlich vorkommt. „Niemals ist es so billig“, dachte ich mir und fragte mich, ob ich doch vielleicht mehr als 100 Yen bezahlt hatte. Ein Game Center, auch „GemCen“ genannt, ist mit einem Arcade vergleichbar, doch die Spiele sind komplett fremd. Am meisten faszinierte mich das Spiel „Taiko no Tatsujin“, ein Rhythmusspiel, das man mit niedlichen Trommeln spielt.
Zum Mittagessen besuchten wir eine klassische Hiroshima Spezialität, nämlich ein Okonomiyaki-Restaurant. Okonomiyaki bedeutet übersetzt etwa „Brate, was du magst“, also ist es nach beliebigem Geschmack flexibel zu variieren. Hauptsächlich besteht es öfters aus Chinakohl, Pfannkuchenteig, Fleisch nach Wahl und spezieller Okonomiyaki-Soße. Was Okonomiyaki wirklich zu einem außergewöhnlichen Erlebnis macht, ist die Art seiner Zubereitung. Es wird nach Teppanyaki-Kochkunst auf riesigen, stark erhitzten Eisenplatten (Teppan) direkt vor deinen Augen zubereitet.
Genauso großartig war auch die Ankunft in Hiroshima. Gemeinsam mit meiner Begleitug und Freund während der gesamten Reise, nähmlich Frau Knoblauch, nahm ich den berühmten Bullet Train, der Geschwindigkeiten von über unglaublichen 300 km/h erreicht. Während der Zugfahrt bekommt man immer einen Riesenhunger, und für einen großen Hunger braucht man eben genauso großes Essen. Deshalb aßen wir riesige Sushirollen, die so groß waren wie vier normale Sushirollen kombiniert. Selbst für mich war das völlig neu.
Das eigentliche Herzstück von Hiroshima ist jedoch das Friedensmuseum, auch „Hiroshima Peace Memorial Museum“ genannt. Dieses Museum hat während meines Besuchs einen besonders tiefen Eindruck auf mich hinterlassen.
Agonie, Tod, Mord
Im Friedensmuseum sind Gegenstände ausgestellt, die den Bombenabwurf überstanden, aber auch zahlreiche persönliche Erfahrungen von Menschen, die ihn miterlebt haben, oft überliefert durch Dritte. Gerade das macht viele Berichte besonders erschütternd, denn sie sprechen stellvertretend für jene, deren Stimmen verstummt sind. Genau dadurch werden die zum Schweigen gebrachten Stimmen nur noch eindringlicher. Wer sich die Mühe gibt, hinzuhören, kann sie fast laut und deutlich hören, wie sie sagen: „Nie wieder Hiroshima, nie wieder nukleare Eskalation.“
Besonders berührend war für mich die Geschichte von Sadako Sasaki, einem zwölfjährigen Mädchen, das infolge der Strahlenbelastung an Leukämie erkrankte. Ihr größter Wunsch war es, von ihrer Krankheit geheilt zu werden. Um diesen Wunsch wahr werden zu lassen, faltete sie 1.000 Origami-Kraniche, die laut einer japanischen Legende jegliche Wünsche verwirklichen können. Trotz ihrer Stärke konnte sie tragischerweise den Folgen des Atombombenabwurfs nicht entkommen.
Humanität
Ich war ungefähr ganze 9.300 km von meinem Zuhause entfernt. Gereist mit einem der schnellsten Transportmittel, die die Menschheit je gebaut hat. Stand nun in dem Land mit der größten Metropolstadt der Welt. In einem Land, wo sich ebenfalls eines der wichtigsten Museen für die Geschichte der Menschheit befand. Trotzdem war der faszinierendste Aspekt der Menschheit nicht etwas, was von der Menschheit gestaltet wurde, sondern eine Tugend, die der Menschheit von ihrem Gestalter geschenkt wurde, nämlich die Humanität für die Humanen unter uns. Denn nur ein wahrer Mensch wie dieser Vater ist in der Lage, seine Zeit, seinen Körper, sogar sein ganzes Leben für sein Einundalles zu opfern.
Diese elterliche Fürsorge ist eine der schönsten Tugenden der Menschheit. So wie jener Sohn bin auch ich ein Sohn, gesegnet mit fürsorglichen Eltern, die ich mir niemals hätte verdienen können. Genau deshalb konnte ich mich in die Lage des Sohnes hineinversetzen, der genauso wie ich war. Obwohl ich so weit von zu Hause entfernt war, konnte ich emotional nicht näher sein. Obwohl das Essen, die Sitten, die Sprache, die Kultur oder die geografische Lage alles Dinge waren, die uns trennten, hatte nur eine einzige Tugend die Möglichkeit, die ganze Menschheit in einem Museum zu vereinen. Ich dachte, ich müsste jahrelang Japanisch lernen, um mich mit einem unbekannten Japaner zu verständigen. Doch anscheinend hätte ich nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein können. Denn es stellte sich heraus, dass diese Humanität wirklich die einzige Sprache ist, die wir je beherrschen sollten. Eine Sprache ohne Wörter, aber trotzdem für keinen von uns fremd. Die Menschheit mag fallen, doch sie bleibt nie für immer am Boden. Sowohl das Licht am Ende der dunklen Ausstellungshalle als auch das immer noch fortschreitende Hiroshima möchten uns dieser Stadt und ihren Menschen zeigen, dass, egal wie dunkel die Zeiten auch sein mögen, sich immer Licht am Ende des Tunnels befindet.
Morgen, Hoffnung, Menschen
Nun sind seit dem 6. August 2024, insgesamt 80 Jahre seit dem Atombombenwurf vergangen. Hiroshima, eine Stadt, die vor dem Atombombenabwurf eine wachsende Militärstadt war und selbst durch das Militär und den Krieg zerstört wurde, wurde in eine Stadt verwandelt, die, anstatt Hoffnung zu bekämpfen, Hoffnung errichtet. Diese Stadt weiß ganz genau, dass die zukünftigen Kriege und Eskalationen nur noch zerstörerischer sein werden. Das ist leider schon Realität geworden und zurzeit deutlich in Gaza oder der Ukraine schon erkennbar. Gerade in diesen Zeiten, in denen überall Eskalationen zu erkennen sind und sogar von einem Dritten Weltkrieg die Rede ist, müssen wir vor neuen Entscheidungen zuerst über die vorherigen reflektieren und deren Konsequenzen für uns und andere Menschen erkennen. Damit wir eben nicht vergessen, dass in jenem Land sich ebenso Menschen befinden wie wir. Menschen, die träumen wie wir. Menschen, die lieben und leben wie wir.
Hass
Dabei ist unsere eigene Geschichte ebenso von Bedeutung. Nach zwei großen Kriegen wissen wir, dass ein Feindbild durch Hass und Hetze das A und O jedes Krieges ist. Es ist ein Motiv, das immer wiederzuerkennen scheint, aber viel zu oft unter den Teppich gekehrt wird, obwohl die Wurzeln von Hass viel tiefer sind als jeglicher Konflikt. Ein Konflikt mag enden, aber der Hass bleibt bestehen. Es ist ein Motiv, das während des Zweiten Weltkriegs gegen verschiedene Gruppen verwendet wurde, um sie zu entmenschlichen und somit ihre Verfolgung zu rechtfertigen. Und leider ist es auch heute noch Teil unserer globalen Gesellschaft.
Seit meinem Besuch in Hiroshima frage ich mich, was der Pilot der Enola Gay dachte. Was sich der Bombenschütze dachte. Was sich die Ingenieure der Enola Gay sowie des Little Boy dachten. Was in den Köpfen der Regierungsoberhäupter vorging, als sie der Verwendung dieser Bombe zustimmten. War es für „das Gute“?
Oder sagten sie sich: „Das war der einzige Weg, den Krieg zu beenden“? Oder meinten sie: „Ich bin nur ein Rädchen im Getriebe“? Sie verwendeten alle drei Rechtfertigungen. Vielleicht dachten sie wirklich, dass sie der Menschheit etwas Gutes tun.
Oder vielleicht war es tatsächlich der einzige Weg, wie man den Krieg hätte beenden können, das kann weder ich wissen noch sie. Mein Problem liegt in der letzten Aussage.
Was ich weiß, ist, dass diejenigen, die ihren Einfluss als ein winziges Rädchen bezeichnen, selbst nicht erkennen, wie viel ein einziges Rad in der gesamten Maschine ausmacht. Denn eben nur ein winziges Rädchen ist genug, damit ein Auto nicht mehr richtig funktioniert. Und wie einfach es ist, sich einfach zurückzulehnen und einmal tief durchzuatmen, nachdem man so beschäftigt war, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Doch jeder, der sich nicht klar gegen den Krieg stellt, unterstützt den Krieg direkt – das gilt insbesondere für uns. Wir sind keine Zuschauer, wenn wir uns dagegen entscheiden, wegzusehen.
Deshalb sagte ich ganz bewusst, dass wir als Menschen von Hiroshima lernen müssen und nicht nur irgendwelche Regierungsoberhäupter. Denn wir Menschen besitzen etwas, das unseren Regierungen vorausgeht und uns alle verbindet: die Menschlichkeit, die Humanität, die Entscheidungen. Wir dürfen weder Hass- und Hetzgruppen unterstützen, die Feindbilder erstellen, noch diese Feindbilder selbst produzieren, egal gegen wen. Denn wir alle haben mehr Macht, als wir es tatsächlich realisieren.
„With great power comes great responsibility.“– Uncle Ben/Stan Lee
